30. Oktober 2015

Mobbing auf hohem Niveau

Sprachliche Äußerungen werden nicht einfach so verstanden, sondern der Hörer bzw. Leser versucht ihre Bedeutung im jeweiligen Kontext mit Hilfe seines Hintergrundwissens zu erschließen.
Dabei geht der Hörer davon aus, dass der Sprecher nichts Unwahres sagt, dass er etwas Informatives und Relevantes sagt, und sich so ausdrückt, dass der Hörer es verstehen kann (das sind die sogenannten Grice'schen Konversationsmaximen).
Das tatsächlich Gesagte bildet also nur einen Teil der Informationen, auf deren Grundlage der Hörer die sprachliche Äußerung zu verstehen versucht. 
Wenn beispielsweise der erste Offizier ins Logbuch einträgt:

19. Mai.
Der Kapitän ist nicht betrunken.

dann folgern wir: "Ins Logbuch werden besondere Vorkommnisse eingetragen. Anscheinend ist der Kapitän ein Säufer". Also das Gegenteil des Gesagten. Der Kapitän kann sich nicht mal über den ersten Offizier beschweren, denn der hat nichts Unwahres behauptet. Die Aussage "Der Kapitän ist ein Säufer" hat nicht der Offizier gemacht, sondern die hat der Leser geschlussfolgert.

Wenn Sie also mal wieder in einer langweiligen Besprechung das Protokoll anfertigen müssen, können Sie ja einige Beobachtungen über die Anwesenden eintragen, um sich die Zeit zu vertreiben...



29. Oktober 2015

Die dümmsten "Trigger-Warnungen"

Trigger-Warnung 1: Achtung! Dieser Text enthält politische Ansichten, die mit den Ihren womöglich nicht identisch sind. Intolerante Menschen, die keine abweichenden Meinungen ertragen können - insbesondere solche mit zu hohem Blutdruck - sollten diesen Text daher nicht lesen!

Trigger-Warnung 2: In diesem Text werden nautische Begriffe verwendet. Menschen, die leicht seekrank werden, sollten ihn daher nicht lesen!

Trigger-Warnung 3: Dieser Text könnte für Sie neue Informationen enthalten. Das Lesen dieses Textes führt daher unter Umständen zu dauerhaften physischen Veränderungen in Ihrem Gehirn (Änderung der Verschaltung der Synapsen im Neocortex). Befragen Sie vor dem Lesen Ihren Psychiater!

Trigger-Warnung 4: Diesen Text hat der Autor nackt geschrieben. Menschen, die zur Prüderie neigen, sollten sich daher beim Lesen vorsichtshalber die Augen zuhalten.

Trigger-Warnung 5: Dieser Text enthält Wörter. Wörter können Erinnerungen wachrufen und/oder Assoziationen auslösen, was zu Gefühlsregungen führen kann. Nehmen Sie vor dem Lesen 1-2 Valium!

Trigger-Warnung 6: Dieser Text enthält Fremdwörter und ist daher für Nazis nicht geeignet!

Trigger-Warnung 7: Die Anfangs- und/oder End- oder nach einem anderen mathematischen Schlüssel ausgewählten Buchstaben dieses Textes könnten - in eine bestimmte Reihenfolge gebracht oder nach einem bestimmten Muster angeordnet oder durch kryptografische Verfahren umgewandelt - zu neuen Wörtern oder Aussagen kombiniert werden können, die rassistischen, sexistischen oder sonstwie anstößigen Inhalt haben könnten. Ich versichere, dass das von mir nicht beabsichtigt ist. Die Aneinanderreihung der Wörter in diesem Text ist rein zufällig und soll keinerlei Sinn ergeben!

22. Mai 2015

Oxymoron

Dunkel war's, der Mond schien helle, als ich heute im Tagesspiegel den Satz las:
Ich bin wie paralysiert aus dieser Wohnung geflüchtet.
Da dachte ich: Wie erstarrt geflüchtet? Halali, ein Oxymoron in freier Wildbahn erspäht! Aber als ich mir die Stelle nochmal genauer anschaute, merkte ich: Er hat diesen Widerspruch gar nicht absichtlich als rhetorisches Stilmittel eingesetzt, sondern er ist ihm im Interview einfach rausgerutscht. Also ist es gar kein Oxymoron, sondern bloß eine contradictio in adiecto. Wie schade.

21. Mai 2015

Berliner Babel

Neuberlinerin in einer Weddinger Bäckerei:
Verkäuferin: Der Nächste bitte!
Neuberlinerin: I hätt gern elf Weckle bittschö!
Verkäuferin: Watt wollen se?
Kunde: Ölf Schrippen will se haam, wa!
Verkäuferin: Warum sagt 'ses 'n dann nich? -- Hier, zwei zwanzig bitte!

Am nächsten Tag in Mitte:
Neuberlinerin: Elf SCHRIPPEN bitte!
Verkäuferin: Sorry?!
Kunde: She'd like to have eleven buns!
Neuberlinerin: Oh Mann!
Verkäuferin: Can't she say it in English? -- Here you go, four forty please!

Brötchen, Schrippen, Wecken, Semmeln oder Rundstücke?

11. Mai 2015

Pro Handschrift

PISA-Streberin Finnland will die Handschrift abschaffen. Bildungsziel soll sein, flüssig auf dem Patschscreen tippen zu können. Dabei lernen das die Jugendlichen von allein, wie man in jedem Bus und jeder S-Bahn beobachten kann. Die meisten können mit zwei Daumen schneller tippen als meine Mutter damals in der Sekretärinnenschule mit zehn Fingern auf der Schreibmaschine.

Dummerweise haben Forscher herausgefunden: wer mitschreibt, behält besser.
Dasselbe erklärt der Neurodidaktiker Manfred Spitzer in seinem Buch Digitale Demenz. Und viele kennen aus eigener Erfahrung folgende hervorragende Lernmethode: einen Spickzettel schreiben. Meistens braucht man den dann gar nicht, weil man sich das mühsam aufgeschriebene sowieso gemerkt hat. Und damit ist auch klar, warum Lehrer so scharf drauf sind, dass die Kinder nur noch auf Smartphones und Tablets tippen können: Keine Spickzettel mehr!

Das absolute Killerargument für die Handschrift ist aber: nur wer weiß, wie ein kleines Schreibschrift-A aussieht, kann sich die Eselsbrücke für abnehmenden (☾) und zunehmenden (☽) Mond merken!


4. Mai 2015

Partnerbörse beleidigt Akademiker!


Mit sprachlicher Logik kann man subtil beleidigen, indem man die Beleidigung nicht direkt ausspricht, sondern so, dass die Leserin sie als Schlußfolgerung selber zieht. Statt plump zu behaupten: "SUVs sind niveaulos" schreibt man: "Beim Autohaus Müller gibt es SUVs und Autos mit Niveau". Oder auch: "In dem Laden gibt es Apple-Rechner und richtige Computer".
Um Akademiker der Niveaulosigkeit zu bezichtigen, kann man sagen: "Die Partnervermittlung für Akademiker und Singles mit Niveau". (Obwohl hier auch die Schlußfolgerung möglich ist, dass die Akademiker, die dort nach Bekanntschaften suchen, keine Singles sind, sondern ihre Partner betrügen wollen.) Der obige Slogan kommt zur Zeit dauernd in der Reklame, ich habe aber noch nicht gehört, dass sich eine Professorin, ein Doktor oder Magister darüber beschwert hätte. Anscheinend gibt es hierzulande Akademiker und Leute mit Logikkenntnissen.

30. April 2015

Sprachwandel live!

Daniel Kestenholz schreibt im Tagesspiegel:

Die 30-jährige Mutter von zwei hatte immer beteuert, nichts vom in ihren Koffer eingenähten Heroin gewusst zu haben.

Die "Mutter von zwei" ist die 1:1-Übersetzung des im Englischen üblichen "mother of two". Im Deutschen musste man bisher umständlich "die zweifache Mutter", "die Mutter zweier Kinder" oder "von zwei Kindern" schreiben. Dank der Kestenholz'schen Innovationskraft kann man sich das "Kindern" jetzt sparen. War doch sowieso unnötig. Von was soll die Frau denn sonst Mutter sein? Von zwei Hamstern?

An diesem Beispiel lässt sich auch der komplizierte linguistische Fachbegriff Superstrat anschaulich machen. Die globale Elite (egal welcher Herkunft) kommuniziert miteinander in Englisch und informiert sich in englischsprachigen Medien. Durch diesen immerwährenden Sprachkontakt mit der englischen Superstratsprache (der auch stattfindet wenn man sich nur in Deutschland aufhält), wird der deutsche Sprachgebrauch beeinflusst. Die "Mutter von zwei" ist nur ein Beispiel, es gibt viele andere. Und manche Prominente, die vorzugsweise in den USA leben, können ja nur noch deutsch-englisches Kauderwelsch hervorstammeln.

25. Februar 2010

Karriereschädliche Vornamen

Wie der SPIEGEL vor einiger Zeit meldete, bewerten Grundschullehrer(innen) Kinder mit Vornamen wie Kevin, Justin oder Jason schlechter als Kinder mit Namen wie Lukas oder Maximilian. Laut einer dort zitierten Studie seien die Lehrer voreingenommen. Aber vielleicht hat das ja einen plausiblen Grund, wie der folgende - selbstausgedachte - Dialog zeigt:
Lehrerin: "So Justin, jetzt schreib doch mal deinen Namen!"
Justin: schreibt 'Dschastin'.
Lehrerin: "Nein, das schreibt man mit J und U!" (schreibt 'Justin'.)
Lehrerin: "Und jetzt schreib 'Dschungel'!"
Justin: schreibt 'Jungel'.
Lehrerin: "Aber nein, doch nicht so! Dschungel schreibt man wie man es spricht: 'Dschungel'!"
Lehrerin: "Jetzt versuch mal zu schreiben: 'Der Junge...'"
Justin: fängt an zu heulen.
Das wäre Lukas und Maximilian nicht passiert!

15. Februar 2010

SPIEGEL-Leser wissen weniger

Zumindest scheint das der SPIEGEL neuerdings zu vermuten, denn er fängt jetzt an, seinen Lesern in BILD-Manier Fremdwörter zu erklären:
Kubicki sagte, es sei ein Irrtum gewesen zu glauben, eine Koalition mit der Union sei eine Art Liebesheirat. "Der Union ist es doch relativ egal, mit wem sie regiert. Das ist eine politische Promiskuität, wie man sie uns früher vorgeworfen hat" - unter Promiskuität versteht man Geschlechtsverkehr mit verschiedenen, häufig wechselnden Partnern.
(SPIEGEL ONLINE, 13.2.2010)
Der SPIEGEL denkt wohl, seine Leser glaubten Promiskuität habe irgendwas mit Promis zu tun - Dieter Bohlen und so.

9. November 2009

Google statt Duden?

Viele Leute schauen nicht mehr ins Wörterbuch, wenn sie bei der Rechtschreibung eines Wortes unsicher sind, sondern fragen Google. Heißt es "Rhetorik" oder "Rethorik"? Einfach die beiden Wörter bei Google eingeben, und das mit mehr Treffern ist richtig. "Rhetorik" gewinnt mit 2,4 Millionen zu 35.000 Treffern.

Das funktioniert aber leider nicht immer. Ein Negativbeispiel ist "aufpäppeln" und seine falsch geschriebene Variante "aufpeppeln". Letztere hat in Google 99.500 Treffer, das korrekte "aufpäppeln" aber nur 25.600. Die Schuldigen sind keineswegs nur Forumsnutzer oder Blogger, sondern ebenso die "Qualitätsjournalisten" in "Qualitätsmedien" wie dem Spiegel, der FAZ oder der FTD. Bei der Zeit schrieb man es schon 1977 falsch.

Warum schreiben so viele Leute "aufpeppeln"? Wahrscheinlich verwechseln sie es mit "aufpeppen", oder sie können sich nicht entscheiden, ob sie "aufpäppeln" oder "aufpeppen" sagen wollen und schreiben einfach beides in einem.

Übrigens las ich diese Woche im Spiegel ein neues Synonym für "aufpeppen": aufporschen. Ist jedenfalls besser als das unsägliche "pimpen", bei dem ich je nach Kontext an "Pimpf" oder "pimpern" denken muss.

6. November 2009

Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip

Hier noch ein Witz zum Thema Tatsachenverdrehung ("Ich mach mir die Welt, wide-wide-wie sie mir gefällt"):

Ein Ingenieur und ein Mathematiker sollen einen Löwen fangen. Der Ingenieur konstruiert eine aufwändige Falle, und nach drei Tagen hat er einen Löwen gefangen.
Der Mathematiker nimmt einen Käfig, setzt sich hinein und sagt: "Definiere: Hier ist außen."

5. November 2009

Tatsachenverdrehung

Ein im Vergleich zum gestrigen eher harmloser Euphemismus findet sich auf Platz 5 der Unwörter des Jahres 1994: wenn man das Entlassen von Mitarbeitern mit "Freisetzung" bezeichnet.

Wenn einem kein Euphemismus mehr einfällt, kann man es mit mutwilliger
Tatsachenverdrehung versuchen, wie sie am Sonntag in der Welt zu bewundern war:
Es sei der Sozialstaat, der die Unterschicht überhaupt erst hervorgebracht habe, sagt der Präsident des Ifo-Instituts in München, Hans-Werner Sinn. Fast ein Drittel des hiesigen Sozialprodukts werde für soziale Leistungen verwandt. "Um in ihren Genuss zu kommen, muss man meist den Arbeitsmarkt verlassen. Die Menschen erhalten also eine Prämie, wenn sie sich aus der Arbeitsgesellschaft ausgliedern", rügt der Ökonom.
(Welt Online)
Also liebe Noch-Mitarbeiter bei Quelle oder Opel: Verlasst nicht die Arbeitsgesellschaft! Gliedert euch nicht aus! Auch wenn der Genuss von Hartz-IV euch lockt!

Von der Tatsachenverdrehung zur platten Lüge ist es dann auch nicht mehr weit:
Auch andere Vergünstigungen wie etwa der meist kostenlose Kindergartenplatz sind Arbeitslosen vorbehalten.
(Welt Online)
Zwar haben Kinder von Arbeitslosen gar keinen Anspruch auf Betreuungsplätze, weil die Eltern ja nicht zur Arbeit gehen müssen und deswegen selbst auf ihre Kinder aufpassen können, aber wen juckt's?

4. November 2009

Der hässlichste Euphemismus

OBERSTLEUTNANT BROOKHART: Was geschah mit den Juden, von denen Sie bereits gesprochen haben, ungefähr 450000?
SS-UNTERSTURMBANNFÜHRER WISLICENY: Sie wurden restlos nach Auschwitz gebracht und dort der Endlösung zugeführt.
BROOKHART: Meinen Sie, daß sie getötet wurden?
WISLICENY: Ja.
(Der Nürnberger Prozeß)
Die SS hatte keine Veranlassung, ihre Morde durch Ausdrücke wie "jemanden der Endlösung zuführen" zu verhüllen oder zu beschönigen. Der Ausdruck klingt nach typischem Beamtendeutsch. Wahrscheinlich war den Beamten im Ministerium bei ihrer Pflichterfüllung die klare Ausdrucksweise sauer aufgestoßen. Da verwandelten sie den Mord lieber in etwas, das sich nach einem ordentlichen, abheftbaren Vorgang anhört. Und konnten mit ihrer Pflichterfüllung fortfahren.

30. Oktober 2009

Reise von Beijing nach Peking

Wenn ich schon mal in Fahrt bin, kann ich meiner gestrigen Polemik über die "saudämliche" Englischschreibung fremdsprachiger Namen im Deutschen gleich noch ein paar Beispiele hinzufügen:

Hier, hier und hier ist von "Beijing" die Rede, wo eigentlich Peking gemeint ist. Das Gruselige daran: anscheinend ist den Autoren überhaupt nicht klar, dass es sich bei "Beijing" um Peking handelt.

Mindestens die Hälfte der Leute schreibt ja auch "Tokyo" statt Tokio, wenngleich sich das seit dem Erfolg der Hotel-Band etwas verbessert hat.

Selbstverständlich muss die indische Hauptstadt "New Delhi" heißen (bei der Frankfurter Rundschau, der Mainzer Allgemeinen Zeitung, dem Focus usw.), wer "Neu-Delhi" sagt, ist ja sowas von Old School, der sagt bestimmt auch Mexiko-Stadt anstelle des wesentlich cooleren "Mexico City" (Abendzeitung).

Als nächstes bekämen jetzt "Zimbabwe" (Simbabwe), "Tanzania" (Tansania) und "Singapore" (Singapur) ihr Fett weg, aber ich hab' keine Lust mehr.

29. Oktober 2009

Warum schreibt man koreanische Namen in deutschen Texten auf Englisch?

Gestern schlug ich vor, als Medizin gegen das sich ausbreitende Deppenleerzeichen statt "New York" einfach wieder "Neuyork" zu schreiben. So abwegig ist das gar nicht! Denn wie schreiben denn die Spanier New York? Natürlich Nueva York! Überhaupt werden in den meisten Sprachen englische Wörter ganz selbstverständlich an die jeweilige Schreibweise angepasst. Zwei Beispiele aus dem Tschechischblog sind "byznys" (business) und "koktejl" (cocktail).

Die Deutschen übertreiben es mal wieder in die andere Richtung. Mittlerweile weiß man gar nicht mehr, wie man manche Namen aus der Zeitung aussprechen soll. Zum Beispiel heißt der UN-Chef Ban Ki Mun, wird aber meistens "Moon" geschrieben. Das heißt, man soll den Namen des Koreaners auf Deutsch so aussprechen, als sei es Englisch, oder was? Konsequenterweise müsste man den Namen aber dann "Bän Kei Muhn" aussprechen und nicht "Bann Ki Muhn". Stattdessen soll man anscheinend die beiden ersten Wörter deutsch, das dritte aber so aussprechen, als läse man Englisch. Na klar, wenn's weiter nichts ist! Genauso bescheuert ist die pseudo-englische Schreibung von El-Kaida in Spiegel-Online: "Al-Qaida". Wenn man jetzt so tut, als läse man Englisch, kommt dabei heraus: "Äl Ka-i-da" bzw. El-Kaida. Na ja: warum einfach, wenn es auch saudämlich geht? Mittlerweile sagen die meisten Leute gar nicht mehr El-Kaida, sondern "All-Kaida". Schweine im Weltall! Weiteres Beispiel: Der arabische Nachrichtensender heißt wahlweise "Al Jazeera", "Al Dschasira" oder "El Dschasira", jeweils mit oder ohne Bindestrich. Entscheidet euch doch wenigstens mal für Deutsch oder Englisch!

Demnächst lesen wir in der Zeitung: Mikhail Gorbachevs Besuch in Munich, sowie ein Bericht über den Ex-Kanzler Schroder. Und wir erfahren etwas über die drei größten chinesischen Städte: Schanghai, Peking und Beijing.

28. Oktober 2009

Neuyorker Deppenleerzeichen

Die Ursache für das sich ausbreitende Deppenleerzeichen scheint klar zu sein: Wer "New York", "Open Source" und "Digital Divide" schreibt, schreibt eben irgendwann auch "Softeis Liebhaber". Zum Einwand, wie man "New York" denn sonst schreiben solle, hier ein Ausschnitt aus dem Duden von 1906:



Heute gibt es soviele englische Begriffe, die einfach 1:1 übernommen werden, dass deren Schreibweise auf die Schreibung deutscher Wörter übergreift. Deswegen findet man bald mehr "CDU Politiker" als "CDU-Politiker". Ist nur konsequent, schließlich schreibt man auch "Windows Vista", oder?

Zum Thema Deppenleerzeichen gibt es einen StarTrek-Beitrag über einen Borg namens Würfel:
Obwohl sich Chakotay gegen die Zusammenarbeit ausspricht, fliegen Janeway und Tuvok zum Borg Würfel.
(TV-Programm der Rheinischen Post)
Hier endet das heutige Posting, ich schaue mir jetzt eine DVD an: Der 200 Jahre Mann (interessant ist die Diskussionsseite zum Wikipedia-Artikel).

27. Oktober 2009

Rätselhaftes Deppenleerzeichen

Vor drei Jahren versuchte ich eine Regel zu finden, die erklären würde, wann ein Bindestrich und wann dagegen ein "Deppenleerzeichen" gesetzt wird. Leider fand ich keinerlei Logik hinter den gesichteten Beispielen und diagnostizierte, für die Deppenleerzeichensetzer sei Rechtschreibung eben Glückssache. Jetzt inspirierte mich ein Text aus dem Berlin-Magazin 030 (Ausgabe 22/2009, S.57) zum Aufstellen einer neuen Regel. Im Text heißt es zunächst ganz normal:
In einigen US-Bundesstaaten war...
worauf dann drei Deppenleerzeichen folgen:
Aber Obacht ostdeutsche Softeis Liebhaber, ...
... neben den Berliner Elektrohouse DJs...
... in kurzatmiger Twitter Mainier...
(Der Rechtschreibfehler in Manier ist nicht von mir.) Aber dann kommt's:
Die All-You-Can-Eat-Party-Portion kostet 5 Euro.
Deshalb der neueste Versuch einer Deppenleerzeichenregel: Die Anzahl der Bindestriche in einem Text darf sechs nicht überschreiten. Von der Haltbarkeit meiner Regel bin ich allerdings wenig überzeugt.

26. Oktober 2009

Sprachliche Fossilien

Ein lärmempfindlicher, unter Schlaflosigkeit leidender Ingenieur sagte mal, es hieße Nachtigall, weil die einem mit ihrem Gezwitscher die Nacht vergällt. Ich erklärte ihm, das "gall" stamme vom germanischen Verb galan (singen).

Für sich allein ist das Wort galan lange ausgestorben, nur in dieser Wortverbindung hat es sich erhalten. Solche sprachlichen Fossilien (der linguistische Terminus ist unikales Morphem) gibt es viele: Schornstein, Brombeere, Himbeere, Bräutigam, Unflat, Sperling, glimpflich.
Wörter können auch in Redewendungen erhalten bleiben: in "mit Kind und Kegel" bezeichnet der Kegel keine Holzfigur, sondern ist das mittelhochdeutsche Wort für "uneheliches Kind". Und der "Fronleichnam" ist nicht der "happy cadaver day", wie ein Schulfreund von mir flapsig sagte, sondern der Leichnam des Herrn, genauso wie der "Frondienst" der Dienst für den Herrn ist.

23. Oktober 2009

Chatten in den Achtzigern

Gestern schrieb ich, das Auftauchen neuer Wörter verrate etwas über das Erscheinungsdatum der durch sie bezeichneten Gegenstände. Daher heute die Frage: Seit wann wird eigentlich gechattet?

Eine Recherche in meiner Sammlung altertümlicher Computerzeitschriften aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts brachte folgende Fundstelle zu Tage:
Kurz darauf haben wir einen Michael aus Deutschland auf dem Bildschirm, der genauso gern wie wir in ausländischen Mailboxen herumstöbert. Man sieht doch, wie klein die Welt ist. Selbstverständlich kann man sich nicht nur mit einem Teilnehmer unterhalten, sondern eine komplette Konferenz eröffnen und andere Teilnehmer dazu einladen. Im Hackerdeutsch heißt das Sprechen mit anderen über den Computer "Chatten".
(64'er - Das Magazin für Computer-Fans, Ausgabe März 1986 vom 14.2.1986, "Datenfernübertragung - Der moderne Weg ins Abenteuer", S. 37)
Daher behaupte ich mal: in Deutschland wird seit mindestens 1986 gechattet. Oder findet jemand einen älteren Beleg?

22. Oktober 2009

Neue Dinge, neue Wörter

Kommen neue Erfindungen oder Moden zu uns, bringen sie oft auch das Wort mit, mit dem sie im Herkunftsland bezeichnet werden. Im EDV-Bereich gibt es dafür zahlreiche Beispiele: Computer, Hacker, Internet, World Wide Web, Browser etc. Andere Bezeichnungen werden dagegen nicht übernommen, sondern übersetzt: Suchmaschine, Mauszeiger, Drucker. Wieder anders ist es beim "Handy": das Wort sieht zwar Englisch aus, ist aber in englischsprachigen Ländern mit dieser Bedeutung unbekannt.

Interessant am Auftauchen solcher Neologismen ist, dass sie es erlauben, das Auftauchen und die Verbreitung der durch sie bezeichneten Gegenstände zu verfolgen. Das sei hier am Beispiel "Handy" vorgeführt. Die Grafik zeigt die Anzahl der Treffer für die Anfrage "Handys OR Handies" auf der taz-Archiv-CDROM, auf der 680.000 taz-Artikel von 1986 bis 2000 gespeichert sind. Die ersten Artikel, in denen Handys erwähnt werden, tauchen demnach 1993 auf, danach steigt die Zahl der Erwähnungen rasant an. In der Duden-Ausgabe von 1996 ist "Handy" erstmals verzeichnet.




Zum Schluss noch zwei exemplarische Belegstellen aus dem Jahr 1993:
Es wird reichlich telefoniert in diesem "Tatort". Besonders mit diesen neuen "Handies", die man bei jenen jungen Geschäftsleuten sieht, die sich in der Einkaufspassage immer das eine Ohr zuhalten und besonders wichtige Dinge in ihr handgroßes Funktelefon sprechen. (taz, 23.11.1993)
Im Mittelpunkt des Interesses: Handys. Sie sind bis zu 285 Gramm leicht. Das neue Statussymbol für die Westentasche ist ab 2000 Mark zu haben. (taz, 31.3.1993)